Brexit – wie es mich betrifft, wie es dazu kam und wie es weitergehen wird

John trapped in a phone box

Seit dem Brexit-Referendum werde ich öfter auf das Thema Brexit angesprochen. Dies ist nicht verwunderlich: denn Brexit ist ein Dauerthema in den Medien und stößt auch außerhalb Großbritanniens auf großes Interesse.

Deshalb hier meine Antworten auf einigen Fragen. Es ist aber ein sehr umfangreiches und komplexes Thema. Außerdem weiss bis heute niemand, wie es ausgehen wird. Wir werden, egal was am 29. März 2019 passiert, jahrelang damit beschäftigt sein.

Welche Auswirkungen hat er für mich?

Generell trifft mich der Brexit nicht so hart wie viele Andere. Es gibt mehrere Bereiche, die betroffen sind.

Aufenthalt und Arbeit

Grundsätzlich ist es sehr schwer vorauszusagen, wie genau britische Staatsbürger von dem Brexit betroffen werden. Das liegt daran, dass es noch keinen fertigen Deal zwischen Großbritannien und der EU gibt. Im schlimmsten Fall, wenn die Parteien sich nicht einigen können, dürfen Briten in EU-Ländern nicht ohne weiteres einreisen, arbeiten, oder sich frei bewegen.

Allerdings besitze ich die deutsche Staatsbürgerschaft: bereits vor dem Referendum war ich Deutsche. Somit muss ich nicht fürchten, hier nicht leben und arbeiten zu dürfen. Noch gilt die Regelung, dass britische Staatsbürger den Doppelpass besitzen dürfen. Ich darf also, auch wenn es einen “harten Brexit” gibt, in beide Länder weiterhin leben und arbeiten.

Da meine Frau aber nur die deutsche Staatsbürgerschaft hat, werde ich unter Umständen nie wieder in Großbritannien problemlos leben und arbeiten können. Dafür müssten wir möglicherweise in Zukunft ein Visum und Arbeitserlaubnis für meine Frau beantragen. Ich habe nicht vor, nach Großbritannien zurück zu gehen; es ist aber ein komisches Gefühl, dass meine eigenen Landsleute mir diese Option genommen haben.

Die Emotionen

Meine Beziehung zu Großbritannien wird sich möglicherweise nie davon erholen, dass das Land mich und meine Lebensweise mit dem Brexit abgelehnt hat. Das Land meiner Geburt hat alles versucht, mir den Teppich unter den Füßen komplett wegzuziehen. Ohne, dass Deutschland mir die Staatsbürgerschaft gegeben hätte, wäre GB darin erfolgreich gewesen.

Für die nichtbritischen EU-Staatsbürger in Großbritannien ist es noch schlimmer: teilweise erlauben ihre Herkunftsländer ihnen nicht, den Doppelpass zu besitzen. Außerdem ist es viel teuerer und meines Wissens aufwändiger, den britischen Pass zu erhalten, als den deutschen. Natürlich stellen sich viele die Frage, warum sie die Staatsbürgerschaft eines Landes anstreben sollen, das sie eigentlich ablehnt.

Also bin ich sauer auf Großbritannien und gleichzeitig Deutschland sehr dankbar.

Altersvorsorge

Ich habe Glück: ziemlich früh in meiner Karriere bin ich nach Deutschland gekommen. Ich habe in Großbritannien nur knapp zwei Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt. Ansonsten hätte ich Probleme: auch wer im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft ist, kann einen großen Wertverlust seiner Ansprüche nach der Rente erfahren. Rentner, die in einem EU-Land ihre Rente aus Großbritannien beziehen, sind vor Kursschwankungen und Inflation geschützt. Wenn keine Vereinbarung zustande kommt, wird dies  in Zukunft für alle, die in die britische Rentenkasse eingezahlt haben, nicht mehr der Fall sein. Angesichts des sehr schwachen Pfunds kann das teuer werden.

Aber wie gesagt: ich bin hiervon kaum betroffen. Außerdem wird Großbritannien möglicherweise wieder Mitglied sein bis ich in Rente gehe.

Krankenversicherung

Da ich in Deutschland krankenversichert bin, bin ich hiervon auch nicht betroffen. Viele Rentner, die ihr ganzes Leben in Großbritannien gearbeitet haben, zittern: es gibt keine Garantie, dass ihre Krankenversicherung nach dem Brexit übernommen wird. Sollte der zwischen der EU und Großbritannien ausgehandelte Deal zustandekommen, ist dies aber (meines Wissens) gewährleistet. Das wird sich am 11. Dezember herausstellen, wenn das Parlament über den Deal abstimmt.

Der Rest

Es gibt bestimmt dann doch ganz viele Auswirkungen, an die ich und andere nicht gedacht haben. Das werde ich am eigenen Leib über die nächsten Jahre erfahren.

Was haben sich die Briten dabei eigentlich gedacht?

Für meinen Eindruck weiss niemand so recht, wie es zum Brexit kam. Das liegt daran, dass viele unterschiedliche Gründe die Wähler dazu bewegt haben, für den Brexit zu stimmen. Hinzu kommt, wer nicht wählen gegangen ist und warum.

Den einen Brexit gibt es nicht

Auf jeden Fall wird es immer klarer, dass es DEN Brexit nicht gibt, sondern viele unterschiedliche. Das erklärt ein Stück weit das Chaos, das wir jetzt erleben: die Brexit-Befürworter können sich, selbst unter sich, nicht einigen, welchen Brexit sie überhaupt wollen. Und selbst wenn: Ihre Vorstellungen und Vorschläge sind mit der Realität nicht vereinbar.

Die Geschichte

So richtig war Großbritannien nie dabei – und das haben alle gemerkt! Churchill war damals Befürworter eines europäischen Staates, nur ohne die Briten. Als die Römischen Verträge unterzeichnet wurden, war Großbritannien nicht dabei. Erst später, als die britische Wirtschaft mit dem deutschen Wirtschaftswunder nicht mithalten konnte und die Briten drohten, wirtschaftlich hinter den Sowjeten hinterher zu fallen, zeigten die Briten Interesse. Als der Beitritt dann geklappt hat, war es ziemlich klar: die Briten brennen nicht für die europäische Idee, sondern sind nur aus wirtschaftlichen Gründen – Eigeninteresse – da. Dies setzte sich fort, als Margaret Thatcher durchsetzen konnte, dass Großbritannien weniger Beiträge zahlen musste.

Generell wollten die Briten nicht nur die Rosinen herauspicken: sie wollten eine Extrawurst, “special status”. Woher kam diese Überheblichkeit? Meines Erachtens hat das zwei Gründe: zum einen, weil Großbritannien als Siegermacht aus dem zweiten Weltkrieg gegangen ist. Und zum anderen, weil der senkende Status als Weltmacht verdrängt wurde. Anstatt sich für die Verbrechen in den Kolonien zu schämen, sind viele Briten noch stolz auf das Empire. Man kann es ihnen nicht ganz übel nehmen: es wird schlicht darüber nicht gesprochen. Eine Erinnerungskultur so wie in Deutschland gibt es dort nicht.

Radikale Kapitalisten

Obwohl Nigel Farage, Aaron Banks, Jacob Rees-Mogg, Boris Johnson und co. sich sehr volksnah geben, sind sie in Wirklichkeit vermögende Männer, die  auf Privatschulen gegangen sind und an Elite-Unis studiert haben. Und was mögen vermögende Männer? Niedrige Steuern und lasche Arbeitsschutzbestimmungen. Ihnen wird vorgeworfen, meiner Meinung nach zu Recht, das Chaos ausnutzen zu wollen um eine Reihe an Gesetze abzuschaffen und durch neoliberale Politik Großbritannien zum “Singapore on Thames” zu machen.

Sie sind es, die seit Jahrzenten Stimmung gegen die EU machen und sie für alle Probleme des Landes schuldig machen.

Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es nie gab

Nicht nur in Großbritannien schauen viele Menschen mit Angst in die Zukunft. Weite Teile Großbritanniens litten schon einmal unter der Deindustrialisierung in den Achtzigern. Besonders im Norden und in den ehemaligen walisischen Bergbaugebieten sind die Menschen geknickt, da ganze Communities in Arbeitslosigkeit versunken sind. Nun fürchten sie, es könnte sie nochmal treffen: Globalisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz. Wann hört es auf?

Kulturell sickert es durch, dass Großbritannien nicht mehr das ist, was es mal war. Und schlimmer noch: es war nie das, was es “mal war”. Wir müssen uns für viele Dinge schämen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Eine Erinnerungskultur so wie es in Deutschland gibt es nicht. Ganz im Gegenteil. Wertgeschätzte und teilweise banale Teile des Alltags haben ihre Wurzeln in einer kolonialen Geschichte, die sich weit weg von den Küsten Großbritanniens abgespielt hat und einem den Appetit auf Tee, Süßgebäck und Cucumber Sandwiches verdirbt. Schaut man nun nachträglich hin, oder verschließt man die Augen davor?

Viele wählen die zweite Option: sie sehnen nach einer Vergangenheit, die es nie wirklich gab.

Das Wahlsystem – faktisch habe ich keine Stimme

Die britische Demokratie reicht Jahrhunderte zurück. Obwohl das Wahlrecht “demokratisiert” wurde, wie man es wahrscheinlich in der Startup-Szene nennen würde – und damit meine ich dass immer mehr gesellschaftliche Gruppen in den Genuss des Wahlrechts kamen – gibt es viele, die mit ihrer Stimme nie etwas bewegt haben. Ich, zum Beispiel.

Wie kann das sein? Ja, ich bin immer wählen gegangen. Dummerweise sorgt das Mehrheitswahlsystem dafür, das meine Stimme nicht wirklich zählt. Mein Wahlkreis ist in Sutton Coldfield, hier wird seit Jahrzehnten immer der Tory, der Konservative, gewählt. Für jeden Wahlkreis im Land wird ein Abgeordnete nach Westminster geschickt. Die Stimmen von denen, die gegen den Kandidaten abgestimmt haben, werden ignoriert. Ich mag die Tories nicht, habe sie nie gemocht, aber mein Wahlkreis ist ein “safe seat” und deshalb wird meine Stimme auf nationaler Ebene nie etwas bewirken. Es ist sogar möglich, so wie in den USA, dass die Partei mit den meisten Stimmen die Wahl verliert.

Diese Machtlosigkeit betrifft viele Wähler im gesamten Land. So staut sich das Gefühl, nie wirklich etwas bewegen zu können. “Die da oben”, in London und Brüssel, hören eh nicht auf das einfache Volk heißt es.

Dieses Problem veranschaulicht Jonathan Coe in seinem neu erschienenen Roman “Middle England”. Hier ein Zitat aus einer Szene, die vor dem Referendum spielt:

“The people of Middle England voted for Mr Cameron because they had no real choice. But if the time ever comes when we are given the opportunity to let him know what we really think of him, then believe me – we will take it.” 

“Middle England”, Jonathan Coe

Diese Kombination aus dem Gefühl, nichts zu verlieren zu haben und eine einmalige Chance, die Richtung des Landes bestimmen zu dürfen, war für viele Menschen zu verlockend. Die Brexit-Befürworter, die eine ganz andere Agenda hatten (s.o.), haben dies erkannt und geschickt ausgespielt.

Wie geht es weiter?

Möglicherweise wird dieser Blog-Artikel bereits nächste Woche veraltet sein: dann stimmt das britische Parlament über das Abkommen ab, das die Parteien ausgehandelt haben. Allerdings glaube ich nicht, dass sich dadurch groß was ändern wird.

Eine Antiklimax nach dem anderen, bis der große Knall kommt. Oder auch nicht.

Bis Großbritannien ausscheidet, wird es immer wieder Antiklimaxe geben. Denn selbst wenn der Deal abgelehnt wird, wird das nicht das Ende der Geschichte. Dann gibt es eventuell Neuwahlen; ein zweites Referendum; ein Misstrauensvotum gegen May; Versuche, nachzuverhandeln; eine Verlängerung der Artikel-50-Frist und so weiter.

Bis zum 29. Mai wird niemand still sitzen und den Schicksal hinnehmen. Es werden immer wieder Momente geben, die mit Spannung erwartet werden, in denen es um alles geht. Und dann das Abwarten auf den nächsten Moment, in dem es um alles geht. Bis zum Ausscheiden.

Oder es wird dann doch zu einem Deal kommen, was eine Übergangsphase mit sich bringt, in dem alles mehr oder weniger gleich bleibt wie jetzt. Und die Ruhe vor dem Sturm geht weiter.

Vielleicht kommt der Sturm wirklich nie: ich kann mir vorstellen, dass das politische Klima sich in einer Übergangsphase dermaßen sich ändern wird, dass das Brexit fallen gelassen wird. Möglich ist es, aber keine weiss wie es weiter gehen wird.

Selbst wenn Großbritannien ausscheidet, selbst wenn es eine Übergangsphase gibt, selbst wenn der Brexit auf Eis gelegt wird: diese Antiklimaxe werden sich immer wiederholen bis der große Knall stattfindet. Oder auch nicht.

Wird Großbritannien wieder Mitglied?

Ich sehe keinen Weg daran vorbei. Irgendwann, so lange es die EU gibt, wird Großbritannien merken dass es nicht anders geht. Das könnte aber lange dauern. Ich würde auch nicht auschliessen, dass die EU harte Bedingungen setzt. Denn es wäre wirklich blöd, wenn Großbritannein seine internen Probleme nicht löst – sich seiner Vergangenheit nicht stellt – und nur als Notlösung wieder eintritt, um die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Meine Befürchtung in diesem Fall wäre, die alten Überlegenheitsgefühle würden an die Oberfläche kommen und die Brexit-Befürworter würden den nächsten Brexit anstreben.

Es bleibt spannend, unruhiger, und lauter. Aber irgendwann sind die Menschen abgestumpft. Sie wollen ihr Leben weiterleben, das laute Hintergrundrauschen soll einfach aufhören, egal wie. Da sehe ich die größte Gefahr. Wenn das Chaos nicht aufhört, wächst der Appetit nach den Trumps, Putins und Orbáns dieser Welt, die für Klarheit sorgen. Oder es zumindest versprechen.

Author

Originally from Birmingham, UK. Studied Law at Exeter and Saarbrücken from 2001 - 2005. Moved to Hamburg in 2010.